Wintersport in Erfenschlag - Rodelbahn und Sprungschanzen

Wintersport in Erfenschlag - Rodelbahn und Sprungschanzen

Nach dem Jahr 1900 war Rodeln als Volkssport in unseren Breiten die Wintersportdisziplin schlechthin. In der Broschüre “Der Wintersport in Sachsen” 3. Auflage 1909/10 ist zu lesen:

Erfenschlag-Chemnitz, idyllisch gelegen an der Zwönitz. 1.800 Einwohner, Post, Telegrafen, Telefon, Bahnhof Linie Chemnitz-Aue-Adorf, gute Zugverbindung. Herrlicher Ausflugsort. Schöne Anlagen. Großartige Rodelbahn am Gutberg im Walde. 5 Minuten vom Bahnhof. Gute Verpflegung in Uhlig`s Restaurant, im Gasthof Bahnhof und Restaurant Schweizertal. Auskunft durch den Erzgebirgsverein Erfenschlag.

 

Der Erfenschlager Carl Weichert wandte sich 1908 an den Gemeinderat, auf Grund zahlreicher schwerer Unfälle, sich um die Sicherheit für diesen Sport zu sorgen. Tausende wählten Erfenschlag als Endziel. Man wollte auf die Einnahmen, die das große Publikum und die vielen Ausflügler brachten, nicht verzichten. Dringendstes Interesse bestand darin, ein Abwandern nach Einsiedel zu verhindern. Das Erfenschlager Gemeindeamt schrieb zahlreiche Erzgebirgsgemeinden an. U.a. Altenberg, Glashütte, Scheibenberg, Zwönitz, Johanngeorgenstadt, Klingenthal, Elterlein, um Regeln für die Sicherheit auf Rodelbahnen zu erhalten. Von Zwönitz erhielt man die verwertbarsten Hinweise:

1. Kein Kreuzen mit öffentlichen Wegen 

2. Keine Bäume und sonstige Hindernisse am unteren Ende

3. Keine seitlichen Eingänge (Bäume, Mauern, Zäune)

4. Verkehr von unten nach oben auf bestimmter Seite 

5. 20 m Abstand zwischen den Rodeln, kein Anhängen 

6. Zuschauer nur oben an der Abfahrtsstelle

Rodel Heil!

 

Mitte der 1920er Jahre bildeten sich Skivereine oder wie in Erfenschlag 1924 die Abteilung - Ski - unter Leitung von Gerhard Thierfelder im Turnverein. Erfenschlag war das Wintersportzentrum vor den Toren der Stadt Chemnitz. Meisterschaften aller Altersklassen im Langlauf, Abfahrts- und Torlauf sowie im Springen fanden von 1926 bis 1957 statt. Tausende Zuschauer verfolgten die Konkurrenzen. Höhepunkt waren über 4.000 Zuschauer am 29. Januar 1933 zum Bezirks-Wintersportfest des Arbeiter-Turn-und Sportbundes in Erfenschlag. Selbst Eishockey wurde im Sommerbad Erfenschlag gespielt. 

 


Bau, Umbau und Wiederaufbau der “Walter-Güldner-Schanze”

In Erfenschlag erwarb der Ausschuss der Chemnitzer Skivereine ein kleines Waldstück hinter dem Restaurant Uhlig und hat dort einen Sprunghügel errichtet. Unter Leitung des Ausschussvorsitzenden Walter Güldner haben an zwei Sonn- tagen im November 1925 zirka 30 Mitglieder aus angeschlossenen Vereinen (insbesondere Chemnitzer Skizunft und Skiabteilung des Turnvereins) am Waldhang eine Sportanlage geschaffen, die Chemnitz zur Ehre gereichte. Aus dem gewölbten Waldboden oberhalb einer ausgedehnten Wiese haben eifrige Hände eine 25 m lange Aufsprungbahn mit etwa 32 Grad Neigung geschaffen. 6,5 m Plattform (auch toter Punkt oder Huckel) und ein 7 m langer und 1,80 m hoher Schanzentisch schlossen sich an. Zwei Kampfrichterkanzeln wurden errichtet. Frappierend die Kürze der Bauzeit. Im Herbst 1931 erfolgte ein größerer Umbau, der mehr Sicherheit für die Springer, aber auch größere Weiten versprach. Im Knick und am Anlauf wurde ständig gewerkelt.

Die Chemnitzer Presse damals:

“In Erfenschlag haben Skifreunde unter Walter Güldners Leitung aus eigener Kraft ihre Schanzenanlage wesentlich verbessert. Der Schanzentisch ist 8 Meter höher gelegt worden, so daß hier nun mit Springen von 25 Meter Weite bequem zu rechnen ist. Da wurde eifrig gezimmert, gemessen und visiert. Der Schanzentisch ist 3,50 Meter breit, 7 Meter lang und 5 Grad geneigt. Die schon bisher einen imposanten Anblick bietende Aufsprungbahn wird nun auch den Anfängern günstiger liegen. Am 1. Januar 1932 wird die neue Schanze geweiht werden.”

Im Jahre 1949 schrieb die Freie Presse:

“Das bekannte Skigelände in Erfenschlag bietet einen traurigen Anblick. Die Walter-Güldner-Schanze, die 1928 als erste in Deutschland eine Beleuchtungsanlage erhielt, existiert nicht mehr. Im kalten Winter 1946/47 verschwanden alle brennbaren Teile der Sportstätte. Jetzt ist vorgesehen, die Sprungschanze massiv aus Ziegelsteinen wieder aufzubauen.”

 Die Jugendlichen der FDJ-Gruppe Erfenschlag nahmen den Wiederaufbau in ihre Hände. Von der Ruine des Grundstücks Klier am Zwönitzufer wurden die Ziegel genommen. Die Maurer Siegfried Hermsdorf und Günter Weber verwendeten mit ihren Helfern als Bindemittel Karbidschlamm zum Bau des massiven Schanzentisches. Der Sand wurde unter Nutzung eines Durchwurfes aus dem Abbruchschutt gewonnen. Der Transport wurde von der “Elcamo” mittels Traktor über die Oeserwiese bis zur Schanze unter Leitung des Betriebsleiters Walter Meister organisiert und durchgeführt. 

 

Eine Homage an Walter Güldner von Veronika Oehme

Was war er: Initiator, Ideengeber, Bauleiter, Organisator, Namensgeber, Aktiver

Hier soll nicht versucht werden den Charakter eines Nachrufes zu erwecken, sondern ein Bild der Zeit vermitteln, in der die Walter-Güldner-Schanze in Erfenschlag ihre besten Tage erlebte.

 Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gab es Anfänge des Skisports in Sachsen. Bis zum 1. Weltkrieg bildeten sich grundlegende Strukturen heraus, wobei die norwegischen Studenten in Mittweida und Dresden, dazu etwas wohlhabendere Sportbegeisterte der Industriestädte, wie z. B. Chemnitz, treibende Kräfte waren. Der Krieg unterbrach zunächst diese Entwicklung. Kein Vierteljahr nach Kriegsende begannen einige Enthusiasten die Wintersportarbeit fortzuführen, wobei sie auf eine Bevölkerung stießen, die gedankliche, politische und auch räumliche Freiheiten einforderte. Nicht mehr nur der elitär angehauchte Chemnitzer Skiclub, sondern auch neu gebildete Skiabteilungen der Turnvereine, der Ruderer und anderer Abteilungen betätigten sich im Skilauf. Dazu kamen - in geringerem Ausmaße - Aktivitäten der Arbeitersportler. Das Skileben in Chemnitz war ebenso rege wie aufgesplittert. Viele Vereine, Sportler und Turner gegeneinander, bürgerlicher und Arbeitsport in gegenseitiger Verachtung oder auch Ignoranz - je nach Stimmung.

 Zur Stärkung des Schneeschuhlaufes in Chemnitz wurde im Herbst 1921 der Ausschuss Chemnitzer Skivereine gebildet. Daran war ganz wesentlich Walter Güldner beteiligt. Einträchtig waren hier Turner und Sportler beieinander, und es wurden etliche Jahre die “Chemnitzer Skiwettläufe”, also die Stadtmeisterschaften, ausgetragen. Es gab allerdings ein Problem, man hatte keine Sprungschanze, die geeignet war, das Niveau der Chemnitzer Springer verbessern zu helfen. Bei Kemtau, auf dem Geiersberg, hatte der Chemnitzer Skiclub eine Uraltanlage, die zwar immer wieder nachgebessert wurde, aber für ein Training unter der Woche einfach nicht gut zu erreichen war. An den Greifensteinen baute der Ausschuss eine Schanze, die 1925 geweiht wurde. Der Stadtbaumeister Pecher hatte jedoch die Himmelsrichtungen nicht genügend beachtet (!). Das Terrain war unzulänglich, dazu die Erreichbarkeit schwierig. Diese Schanze wurde nur wenige Jahre benutzt und verfiel noch vor Errichtung der Ehrenfriedersdorfer Frauenbergschanze (1932).

 

Im Jahre 1925 stellte schließlich der Bauer Oeser dem Ausschuss das Gelände am Zwönitzhang - gegenüber dem Restaurant Uhlig in Erfenschlag - zur Verfügung. Hier wurde im November ein Sprunghügel errichtet und am 6.12.1925 geweiht. Diesmal hatten die Praktiker das Sagen, und auch wenn alsbald auch hier umgebaut und verbessert wurde, so war der Schanze ein reges Sportlerleben bis in die Anfänge der DDR-Zeit beschieden. Es handelt sich bei dieser Anlage um die Schanze, die nach einem der regsamsten Vertreter des Chemnitzer Skilaufs benannt wurde; die Walter-Güldner-Schanze.

 

Viel wurde in jenen Jahren über die Faszination des Skilaufes berichtet, aber über niemanden schrieben die Chemnitzer Tageszeitungen auch nur annähernd so warmherzig und begeistert, wie über Walter Güldner. Er fand oben schon erste Erwähnung als Initiator des Ausschusses Chemnitzer Skivereine und war eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Chemnitzer Skilaufes der 20er und 30er Jahre. Selbst als Springer bis ins hohe Sportleralter aktiv, war er auch als Organisator von Wettbewerben, geselligen Sportausfahrten des Turnvereins Chemnitz sowie beim Bau von Schanzen und Anlagen immer fleißig und rührig, dazu von solch entwaffnender Herzlichkeit und Fröhlichkeit, dass Formulierungen in den Zeitungen wie “Skivater” richtig erschienen.

 

Walter Güldner wurde 1887 als 6. von 14 Kindern in die Familie eines Grünwarenhändlers geboren und betrieb später selbst einen Stand in der Markthalle sowie eine Plantage in Lommatzsch. Nicht nur er, sondern etliche Güldner-Geschwister und deren Kinder waren im Turnverein Chemnitz aktiv und erreichten vor allem im Stadtmaßstab, aber auch weit darüber hinaus Spitzenleistungen. Die aktivste Zeit der Güldners ging mit der Festigung der Naziherrschaft ihrem Ende entgegen. Erst wurde Walter Güldner aus dem Ausschuss verdrängt und durch Erich Lang ersetzt, dann der Ausschuss und der Turnverband aufgelöst. Fritz Güldner, ein Leistungsträger des Chemnitzer Skilaufes der 30er Jahre, startete ab 1938 im Alpenverein, Walter Güldner selbst zog sich nach Lommatzsch zurück, startete aber noch bis 1941 gelegentlich bei Chemnitzer Wettkämpfen.

 

Der Name der Schanze blieb über das Kriegsende hinaus bis in die 50er Jahre hinein erhalten, dann wurde die Anlage als Gutbergschanze bezeichnet. Die Namensänderung erfolgte still und heimlich, nachdem Walter Güldner aus privaten Gründen nach Baden-Würtemberg verzogen war. Die Heimlichkeit der Umbenennung weckte in vielen Zeitgenossen die Vermutung, dass Walter Güldner Nazi gewesen sein könnte.

Den Verantwortlichen kann man wohl nicht vorwerfen, nicht gewusst zu haben, dass Walter Güldner mit den Nationalsozialisten nichts zu tun hatte. (Er selbst sagte dazu, er sei nicht braun, schließlich habe er nicht zu lange in der Sonne gestanden.) Man kann ihnen aber sehr wohl vorhalten, nicht danach gefragt zu haben!

 

Aus dem heutigen Chemnitzer Sportleben ist der Name Walter Güldner wohl verschwunden, aber ein Platz in der Lokalgeschichte müßte ihm sicher sein. Die Erinnerung ist bei denen, die ihn noch kannten, sehr lebendig und den anderen soll mit diesem Text nachgeholfen sein. 

 


Erfenschlags zweite Schanze

Obwohl sportlich keine Notwendigkeit bestand, wurde am 16.12.1928 auf dem Gelände des Haasebauern die Georg-Bienert-Sprungschanze eingeweiht. Erbauer und Besitzer dieser Schanze war der Turnverein Erfenschlag. Sportlich deshalb nicht notwendig, weil weitenmäßig mit der Walter-Güldner-Schanze auf dem gleichen Label, aber nicht erweiterungsfähig. So hatten Sprünge knapp über 20 m bis zur Nutzung als Pionierschanze Ende der 50er Jahre Seltenheit. Ausgangspunkt waren die ständigen Querelen zwischen “Bürgerlichen” und dem Arbeitersport - zentral geschürt -, die auch in Erfenschlag zur Trennung quer durch die Sportlandschaft führten.

Lohnend erwähnt wurde Erich Fuchs, der den Bau der Schanze vortrefflich leitete. Den Weiheakt nahm der Vorsitzende des Erfenschlager Turnvereins Gerhard Thierfelder vor, er führte auch den Weihsprung aus. Die schwachen Leistungen der einheimischen Springer machte die beiden Johanngeorgenstädter Kunze und Heß mit ausgezeichneten Leistungen wett. Sie zeigten zum Abschluss noch einen gelungenen Doppelsprung.

 Den Höhepunkt erlebte die Schanze und der gesamte Ort mit dem Bezirks-Wintersportfest 1933. Tausende zogen am 28./29 Januar bei schönstem Winterwetter nach Erfenschlag. Über 300 Kinder beteiligten sich am Massenrodeln. Langfläufe (Mannschafft und Einzel) wurden in allen Klassen durchgeführt. Im Erfenschlager Bad fand ein Eishockeyspiel zwischen Erfenschlag und Schönau statt. Am Nachmittag kam böiger Wind auf, so dass die 4.000 Zuschauer an der Schanze sahen, welche Schwierigkeiten die Springer meistern mußten. Hermann Ludwig aus Klaffenbach und Müller (Göppersdorf) erzielten mit 20,5 m Bestweiten. Bei den Springern über 18 Jahre gewann Paul Bochmann (Erfenschlag) mit 19,5 m und der besten Gesamtnote. Dies war zugleich das letzte Springen, da einen Tag später mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die Zerschlagung der Arbeitsportanlagen und Vereine begann. Für fünf Jahre sollte die Schanze nochmals entstehen und dem Training der Jüngsten dienen. 

 

Freie Presse 1956:

 

“Bereits seit dem Sommer 1955 stand für uns fest, dass die Wintersportmeisterschaften der Jungen Pioniere und Schüler Karl-Marx-Stadt erstmalig im schönen Wintersportgelände von Erfenschlag ausgetragen werden sollten. Diese Nachricht nahmen etwa 15 Pioniere der Erfenschlager Schule begeistert auf und beschlossen, eine Pioniersprungschanze zu bauen. In aller Heimlichkeit gingen sie ans Werk. Zuerst rodeten sie mit Genehmigung der Bauern das Wurzelwerk und Gestrüpp, um eine gute Aufsprungfläche zu bekommen - in vielen ungezählten Stunden entstand sogar ein massiver Schanzentisch. Das erforderliche Material besorgten sich die fleißigen Jungen entweder von ihren Eltern oder von Kleinbetrieben. So errichteten sie weiterhin einen Anlaufturm und ein Gerüst für die Kampfrichter. Sportlehrer Behnert von der Grundschule Erfenschlag wurde schließlich mit in das Geheimnis einbezogen und gab die letzten Anregungen. Seit Dezember 1955 war die Schanze fertig. Eine Kleinsportanlage für den Winter konnte damit übergeben werden. Während der  mehrtägigen Kreismeisterschaften der Schüler im Schilaufen wurde die Schanze eingeweiht und erhielt den Namen “Pionierschanze”.

 

 Die Jungen Gunter Tomaschek, Rolf Bochmann und Wolfgang Weiske, die mit je 200 Arbeitsstunden den Löwenanteil besaßen, wurden zur Schanzenweihe vom Vertreter der Abteilung Volksbildung und der SV Aufbau mit der goldenen Aufbaunadel des NAW und alle anderen Schanzenbauer mit wertvollen Buchpreisen ausgezeichnet.” 

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